Was sieht und denkt ein Hund in den ersten Lebenswochen? Jessica
Schwanz (12), deren Familie Golden Retriever züchtet, hat sich so
ihre Gedanken gemacht. Beverly ist ihr Lieblingswelpe. Sie hat seine
Geschichte aufgezeichnet - ein kleiner Hund erzählt:
Hallo, mein Name ist Beverly. Ich bin ein Golden Retriever und möchte
Euch von den aufregenden ersten Wochen meines Lebens erzählen. Auf
dem Foto rechts seht Ihr mich mit meinem «kuscheligen»
Lieblingsmenschen Jessica, als ich vier Wochen alt war.
An meine Geburt kann ich mich nicht erinnern. Mein Menschenrudel
erzählt, es sei mitten in der Nacht gewesen. Es war für sie ein
tolles Erlebnis. Mein Mensch Jessica und ihre kleine Schwester sind
extra geweckt worden und alle waren mächtig stolz auf mich, meine
Mama Ayka und meine acht Geschwister. Aber was soll ich sagen: Ich
konnte damals weder hören noch sehen.
Die ersten Wochen verliefen ruhig. Trinken, schlafen, trinken,
schlafen. Mama Ayka hatte alles fest im Griff. Ich und meine zwei
Schwestern und sechs Brüder fühlten uns wohl auf der flauschigen
Decke in unserer Wurfkiste. Wir hatten farbige Punkte auf den Rücken
bekommen, damit unser Menschenrudel uns auseinanderhalten konnte. Außerdem
konnten sie uns so besser wiegen und unsere Entwicklung beobachten.
Die erste Zeit spürte ich die Wärme meiner Geschwister und das
Lecken von Mamas Zunge an meinem Körper und das Kraulen der Finger
meines Menschenrudels. Bald hörte ich das Quieken und Grunzen,
Knurren und Bellen und die Gespräche in meiner Umgebung. Und schließlich
sah ich - zuerst verschwommen, später klar und deutlich - meine
Artgenossen und meine Menschen, deren Geräusche mir inzwischen
schon sehr vertraut geworden waren.
Mit vier Wochen begann das pralle Leben. Toben im Garten, Buddeln
zwischen den Hecken, Spiele mit Gummibällen und Pappkartons. Noch
immer verstehe ich nicht, warum das Herrchen meiner Mutter ärgerlich
wurde, wenn ich im Garten die Erde aufwühlte. Viele Besuche fremder
Menschenrudel mussten wir empfangen. Die Menschen kraulten uns, und
wir zerkauten im Gegenzug deren Schnürsenkel mit Vergnügen. Wir
waren stark und selbständig. Bald hatten wir es auch gelernt,
richtiges Futter aus einem Napf mit leckeren Brocken und Nudeln,
Fischfilet und Ei, Banane und Quark zu fressen. Nur zum Nachtisch
gab es noch Milch von Mama, um deren acht Zitzen es spannende Wettkämpfe
zwischen uns neun Welpen gab.
Wir alle haben Namen mit «B» am Anfang. Ich hatte noch
Probleme, den Ruf nach mir zu erkennen. Das Frauchen meiner Mama
meinte aber, dass sei Tradition. Wir seien der zweite Wurf Welpen in
unserem Menschenrudel. Meine große Halbschwester Amberly in unserem
Rudel und ihre sechs Geschwister haben alle Namen, die mit «A»
beginnen.
Ich war die Stärkste. Das Herrchen meiner Mama meinte aber, Chef
sei immer ein Rüde. Aber ich hatte meine Brüder alle unter
Kontrolle. Auch mein Lieblingsmensch Jessica flüsterte mir Mut zu
und meinte, auch Menschenrüden müsste man ihr Selbstvertrauen
belassen. Ganz schön kompliziert, oder?
Aber wehe, meine Mama wurde ärgerlich. Der Versuch, ihr Stöckchen
zu klauen, wurde mit unerbittlichem Knurren und Zähnefletschen
beantwortet. Wenn es richtig Stress gab, half nur die Hoffnung: Bald
bin ich selber groß.
Die schönsten Erinnerungen habe ich an das Dösen in der warmen
Sommersonne. Träume von Abenteuern des Tages lösten sich im Zucken
der Muskeln, im Gähnen und Räkeln. Heute hat mir das Frauchen
meiner Mama ein Foto vor die Nase gehalten von meinem Papa in einer
Stadt namens Bochum. Aber ich erkannte ihn nicht, und er hat nicht
nach Golden Retriever gerochen. Sonst aber geht es mir einfach
phantastisch. Ich vermisse ihn nicht.
Das Gartentor hat geklickt. Gestern wurde ich acht Wochen alt.
Morgens wurden ich und meine Geschwister geimpft gegen viele
Krankheiten, die unsere Artgenossen befallen können. Ich hatte
schon etwas Angst. Nachmittags kamen einige Menschen, die uns
betasteten, sich über uns unterhielten und eine Nummer in unser Ohr
stachen. Es tat ziemlich weh, aber das große Leckerchen danach
hatte mich schnell getröstet.
Ich ahne noch nicht, dass jetzt der Abschied von meiner Mama Ayka,
meiner Halbschwester Amberly, meinem Lieblingsmenschen Jessica und
meinem ganzen Menschenrudel naht. Ich weiß auch noch nicht, dass
jetzt mein neues Menschenrudel kommt mit den zwei lieben
Menschenwelpen, mit denen ich in den letzten Wochen schon mehrmals
getobt habe und Zutrauen gewonnen habe beim Spielen und Kraulen.